Wer hat an der Uhr gedreht?

Im Frühjahr wird sie vor-, im Herbst wieder zurückgestellt: die Uhrzeit. Was einst Energie sparen sollte, sorgt im menschlichen Organismus für reichlich Verwirrung. Wie geht es Kindern mit dieser Umstellung? Wie entwickeln sie ein Zeitgefühl? Und was kann man tun, damit ein sanfter Übergang von Sommer- zu Winterzeit gelingt? Schlafcoach Julia Beroleit gibt Antworten.

Kinder scheinen sich oft in ihre eigene Zeitblase zu zaubern. Woran liegt das?
Zeitgefühl entwickelt sich erst. Das ist auch eine Frage des Hirnwachstums und der Erfahrung. Vor dem Grundschulalter ist es für Kinder meist schwierig, Stunden und Minuten richtig einzuschätzen. Insbesondere im Alter von 3 bis 5 Jahren durchleben sie die sogenannte magische Phase. In dieser Zeit verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Kinder können sich dann regelrecht wegzaubern in ihre Welt. Sie sind ganz im Hier und Jetzt.

Wie lockt man die Kinder sanft aus dieser Welt heraus?
Das ist die größte Kunst. Stellen wir uns eine typische Situation vor: Die Kita ruft! Die Zeit wird knapp, doch anstatt sich anzuziehen, spielt mein Kind noch seelenruhig in seinem Zimmer. Nun sind gutes Timing, Gelassenheit und Kontakt gefragt. Das Rufen durch die Tür genügt nicht. Gerade in der magischen Phase kann es sein, dass das Kind die Rufe schlichtweg nicht hört. Das ist keine böse Absicht, sondern einfach der starken Fantasie geschuldet.

Worauf kommt es dann an?
Blickkontakt auf Augenhöhe und Stressvermeidung. Das ist leichter gesagt als getan. Doch auf Druck reagieren Kinder oft mit Gegendruck und dann wird so ein Morgen schnell für alle Beteiligten anstrengend. Routinen können helfen. Humor auch. Gerade in der magischen Phase reagieren Kinder stark auf Rollenspiele. Wenn zum Beispiel das Lieblingskuscheltier das Signal zum Aufbruch gibt, kann das Wunder wirken. Manchmal hilft es auch, Kindern einen Wecker zu stellen und ihnen zu erklären, dass es nach dem Klingeln losgeht. 

Kommt man ohne Routine also nicht mit Kindern durch den Tag?
In den ersten sechs Monaten nach der Geburt bildet sich ein Tag- und Nachtrhythmus bei Babys aus. Unsere innere Uhr stellt sich. Einige Kinder haben von Natur aus einen eigenen Rhythmus, andere brauchen mehr Unterstützung. Die meisten Kinder reagieren gut auf Regelmäßigkeiten. Das Wichtigste ist, dass die Kinder die Regenerationsphasen bekommen, die sie brauchen. Eine Tagesstruktur und Rituale erleichtern der ganzen Familie den Tag. Je älter die Kinder werden, desto flexibler kann man den Ablauf handhaben.

Die Zeitumstellung bringt so manches Zeitgefühl für einige Tage durcheinander. Reagieren Kinder anders als Erwachsene auf die gestohlene Stunde oder extra Zeit? 
Egal ob Kind oder Erwachsener, man ist entweder Eule oder Lerche, Langschläfer oder Frühaufsteher. Je nachdem fällt es dem einen schwerer als dem anderen, sich an die Zeitumstellung zu gewöhnen.

Wie lässt sich der Übergang für die ganze Familie angenehmer gestalten?
Hier kommt es aufs Feingefühl an. Wenn ein Kind wirklich Probleme mit der Umstellung hat, kann man versuchen, seine innere Uhr beim Wechsel auf die Sommerzeit behutsam vor- und im Winter sanft zurückzustellen. Das gelingt, in dem man etwa ein bis zwei Wochen vor der Zeitumstellung alles ein wenig früher oder später macht, z.B. 15 Minuten eher aufstehen, früher Abendessen, etc. Wenn ein Kind abends noch nicht schlafen kann, hilft vielleicht ein längeres Hörspiel. Da hilft nur Ausprobieren. Wenn man etwas älteren Kindern das Phänomen „Zeitumstellung“ dann noch erklärt, können alle noch besser damit umgehen.

 


 

     Tipps von Schlafcoach Julia Beroleit:

 

Zeitverschiebung
1 bis 2 Wochen vor der Umstellung alle Aufsteh- oder Ins-Bett-Geh-Zeiten 10 bis 15 Minuten nach vorne oder hinten verschieben. Beim Übergang zur Sommerzeit abends alles Schritt für Schritt ein paar Minuten nach vorne schieben.

Rollo runter
Abends ist es Kindern gerade beim Übergang auf die Sommerzeit noch zu hell zum Schlafen. Dunkle Rollos oder Vorhänge können helfen.

Zeitumstellung? War was?
Wer die neue Uhrzeit als alte annehmen kann und keine Gedanken an „eigentlich wäre es jetzt schon…“ verschwendet, kann ebenfalls ohne Gähnen durch die Zeitumstellung kommen.

Rollo hoch
Wer die Rollos in der Sommerzeit eher hochlässt, kann seine Schlafmützen sanft vom Licht wecken lassen.

 


 

Steckbrief: Julia Beroleit

Julia Beroleit ist Mama eines 8-jährigen Jungen und wohnt arbeitet als Schlafcoach und Masseurin für Babys und Kleinkinder in Berlin.

Julia

Mein Lieblingsplatz in Berlin mit Kind…
Das Tempelhofer Feld

Wann haben Sie sich in Erziehungsfragen das letzte Mal gewünscht, zaubern zu können?
Ich würde mir morgens unter der Woche mindestens eine Stunde mehr Zeit zaubern. Vermutlich wäre der Start in den Tag dann entspannter. Dann würde ich noch mehr in Ruhe meinen Kaffee trinken und erste E-Mails beantworten (bin morgens am schnellsten) und mein Sohn würde ganz in Ruhe spielen und ein Hörspiel hören — und danach könnten wir los. 

Und wann haben Sie Ihre Kinder zuletzt verzaubert?
Mein Sohn war neulich schlecht drauf. In Erinnerung an die magische Phase habe ich mir eine Socke geschnappt, die auf die Hand gezogen und Quatsch gemacht und so meinen Sohn zum Lachen und Reden gebracht.

Ihre größte Stärke als Mutter?
Humor und Empathie. Und dass ich Regeln und Werte vermitteln möchte, die mir wichtig sind, auch wenn ich dann oft „soooo gemein" oder "langweilig" bin. Ich versuche, mich in die Welt meines Sohnes hineinzuversetzen, ihn ernst zu nehmen und zu verstehen, was ihn bewegt. Humor hilft mir und uns als Familie, manche Situationen aufzulösen, bei denen ich mich manchmal schon mit zu viel Ernsthaftigkeit „verrannt“ habe. Streng bin ich aber auch mal, wenn es sein muss.

Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben?
Alles, was dein Kind macht, hat einen Sinn. Manchmal ist es nicht in „deinem“ Sinn und du verstehst es nicht sofort - aber sich in seine Perspektive zu versetzen, hilft uns ungemein für mehr Verständnis für unsere Kinder. Dein Kind macht die Dinge immer FÜR sich und nicht gegen dich. 

 

Julia Beroleits Internet Zuhause:
cosy-eleven.de

 

Text: Anne Breitsprecher
Fotos: © Daria - Fotolia.com/Lina Grün Photographie

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