„Unsere Schwächen machen uns zu wahren Helden“

Interview mit Kinder-, Jugend- und Elterncoach Nicole Peer

Drache Basilikus lispelt und Zwerg Primel hat eine große Nase und wird von den anderen Zwergen verspottet. Damit haben die Figuren aus „Hexe Wawu und das geheimnisvolle Zeichen“ vielen Menschen etwas gemeinsam: Sie werden gehänselt und gemobbt. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund traurig zu sein, ist Nicole Peer überzeugt, denn in jedem von uns steckt ein Held, sagt der Kinder-, Jugend- und Elterncoach. Wie man den findet, hat sie uns im Experten-Interview verraten.

Welche Superheldenkräfte haben Sie?
(Anmerkung d. Red.: Lacht) Ich bin gar kein Fan von Superhelden. Nennen wir es Heldenstärken?

Sehr gerne.
Ich bin überzeugt, dass jeder Heldenqualitäten in sich trägt. Manchmal muss der Mensch daran erinnert werden. Ich habe irgendwann überlegt, was mir in schwierigen Lebenssituationen bisher immer geholfen hat. Herausgekommen sind sieben Heldenstärken: Mut, Herz, Disziplin, Abenteuer, Herausforderung, Verbindung und Gemeinschaft. Sie sind heute die Essenz meines Coachings.

Okay, das klingt spannend. Aber wie macht man echte Helden?
In dem man den Menschen befähigt, sich diese Stärken wieder bewusst zu machen und sich darüber klarzuwerden, dass man sie in sich trägt. Wir sind überschüttet mit Konditionierungen und dem Druck, jedem gefallen zu wollen, davon muss man sich befreien.

Sie nennen sich selbst Heldenmacherin? Wen möchten Sie zum Helden machen und warum?
Als Kinder-, Jugend- und Familiencoach möchte ich kleinen und großen Menschen dabei helfen zu erkennen, welches Potential und welche Einzigartigkeit in ihnen stecken. Schon wenn Kinder noch ganz klein sind, entsteht Druck bei uns Eltern: „Wie, du stillst nicht?“, „Was dein Kind kann noch nicht krabbeln?“ - ich weiß nicht genau, wann dieses Denken in der Geschichte angefangen hat, aber das ständige Vergleichen ist ein Generationenthema, das überwunden werden darf. Wie heißt es so schön: Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.

Wer benötigt auf dem Weg zum Helden oftmals mehr Unterstützung? Eltern oder Kinder?
Das bedingt sich manchmal. Natürlich kommen im ersten Schritt die Eltern auf mich zu. Oft sind es die Mütter, die sich nach einem langen Leidensweg, nach Logotherapie, Ergotherapie und vielen Nachhilfestunden an mich wenden. Die Familie ist nicht selten am Ende der Weisheit angelangt und die Reibungspunkte zu Hause nehmen zu. Gleicht man die Themen oder Probleme der Eltern mit denen der Kinder ab, sind die nicht unbedingt immer identisch. Manche Kinder leiden sehr darunter, den Erwartungen ihrer Eltern entsprechen zu wollen. Oder sie merken, eben nicht so zu sein wie andere Kinder und das dies nicht in Ordnung ist. Heute wünschen sich Eltern immer nur das Beste für ihren Nachwuchs. In meinem Coaching möchte ich vermitteln, dass jeder in der Familie das Recht hat, so zu sein und so zu leben, wie er ist. Doch der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung für einander ist dabei entscheidend, damit die Familiengemeinschaft gelingt. Eltern können sich als Heldenmentoren verstehen, die ihrem Kind einen geschützten Raum bieten und einen Rahmen, in dem es sich ganz individuell entwickeln kann. Entscheidend ist, dass sie selbst wissen, was für Werte ihnen wichtig sind und dass sie selbst wissen, welche Art von Vater und Mutter sie sein möchten.

In den Büchern von Hexe Wawu werden Kinder auch zum Helden. Inwieweit können Geschichten Stärke vermitteln?
Absolut, Geschichten sind dafür bestens geeignet! Mich persönlich haben zum Beispiel die Disney-Helden schon immer inspiriert. Ob Mulan oder Elsa und Anna aus „Die Eiskönigin“, die Geschichten beginnen im Kindesalter der Helden. Man sieht sie ihre Erfahrungen machen. Sie finden heraus, wer sie wirklich sind und wachsen über sich hinaus. Das ist magisch. Auch das Eintauchen in eine Fantasiewelt ist toll für Kinder. So werden Gedanken nicht beschränkt, sondern beflügelt. 

Auch Kinder müssen jeden Tag stark sein und sich im Alltag behaupten. Welche sind die größten Stressfaktoren für Kinder?
Wenn ich an die Schule denke, dann geht schon vom Bildungssystem ein ungeheurer Druck aus. Es geht einzig allein darum zu funktionieren und zu gehorchen. Doch was sagt es über das Kind aus, wenn es in einem Fach eine schlechte Note nach Hause bringt? Was wenn es keine Empfehlung fürs Gymnasium erhält oder die einstigen Freunde an einen vermeintlich niedrigeren Bildungsweg einschlagen? Sind das dann noch Freunde? Oft ist auch das Aussehen ein Auslöser für Stress – und das schon in jungen Jahren. Doch wer bestimmt, was hübsch ist und was sagt das über einen Menschen aus? Das sind alles Frage der Werte, die in der Gesellschaft weitergegeben werden. Selbstwert und Selbstliebe müssen wieder stärker in den Fokus gerückt werden, denn das ist die Basis für ein liebevolles Miteinander und auch für Potentialentfaltung bei uns Menschen.

Ab welchem Alter ist Mobbing für Kinder ein Thema und wie entsteht es?
Das ist eine echte Krankheit unserer Zeit und die Härte hat deutlich zugenommen. Depressionen, Ängste und sogar Burnout werden zunehmend auch bei Kindern diagnostiziert. Ein bestimmtes Alter lässt sich da nicht benennen. Doch schon im Kindergarten wird verglichen. Kinder sind Meister im Beobachten. Die ersten, von denen sie sich das Verhalten abschauen sind natürlich die Eltern. Sie sind das kleinste Umfeld, in dem sich Kinder erfahren. Da gilt es Vorbild zu sein, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, du bist wertvoll, so wie du bist. Und auch zu vermitteln, wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um – am besten so, wie ich auch selbst behandelt werden möchte.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind gehänselt wird? Wie können sie es stärken?
Es ist wichtig sehr sensibel vorzugehen und das Kind ernst nehmen in seiner Not. Eltern sollten sich nicht vom Kopf, sondern von ihrem Herzen leiten lassen, wenn sie das Gespräch mit ihrem Kind suchen. „Wie fühlst du dich gerade?“, ist eine gute Einstiegsfrage. Stellt sich das Kind infrage, ist es wütend oder traurig, ist das auch für Eltern schwer zu ertragen. Genau das offen zu besprechen, ist eine wichtige Qualität, die ich Eltern unbedingt ans Herz legen möchte. Man darf die Probleme der Kinder nicht abtun, sondern sollte eine Verbindung herstellen. In dem man zeigt, dass auch Eltern manchmal Angst haben oder ähnliche Situationen erlebt haben. Schwächen sind unsere größten Stärken, sie machen uns menschlich und zu wahren Helden. Ganz wichtig ist es, das Kind aufzubauen. Eltern können ihrem Kind erklären, warum es etwas ganz Besonderes ist und nicht wertlos.

Oftmals ziehen sich Kinder in solchen Situationen zurück oder werden isoliert. Manche Kinder sind einfach gern allein. Wie merke ich die Unterschiede?
Eine Möglichkeit ist natürlich, dass das Kind von selbst sagt, dass es unglücklich ist und keine Freunde hat. Manche Kinder brauchen einfach nicht viele Menschen um sich herum. Sind Eltern unsicher und machen sich Sorgen, hilft Beobachten. Bleibt das ungute Gefühl, kann man sich vertrauensvoll an einen Erzieher oder eine Erzieherin wenden und das Gespräch suchen. Manche Kinder verhalten sich in Einrichtungen wie Kita oder Schule auch ganz anders.

Ihr ultimativer Tipp für Heldenfamilien?
Ich möchte Eltern inspirieren, sich über bestimmte Dinge bewusst zu werden. Fragen wie: „Was für ein Familien-(Leben) möchte ich führen?“, „Welche Art von Mama oder Papa möchte ich sein?“, sind dabei ganz wesentlich. Sich aufzuopfern für die Familie – besonders an Mamas eine wichtige Botschaft – unterstützt nicht wirklich. Wenn ich als Mama gut für mich selbst sorge und auch auf mich achte, ist das am Ende gut für alle Familienhelden. Denn dann geht es mir gut und auch den anderen. Es ist super sich auch Auszeiten zunehmen – denn so leben wir das auch vor. Auch die Paarbeziehung sollte nicht zu kurz kommen, denn sie ist das Fundament jeder Familie. Ist man selbst zufrieden, kann man das auch weitergeben. Ich möchte Eltern außerdem ermutigen, zu ihren Kindern auch mal in Liebe nein zu sagen. Zu Entscheidungen stehen und diese auch begründen, ist wichtig. Im Leben werden Kinder noch oft auf Enttäuschungen und Ablehnung stoßen, wer ein Nein nicht kennengelernt hat, dem wird es schwerfallen, mit künftigen Herausforderungen des Lebens umzugehen.  

 


 

 Steckbrief: Nicole Peer

Nicole_Peer

 

Wie alt sind sie? Seit wann sind Sie Heldenmacherin?
Ich bin 45 Jahre alt und seit 2016 Heldenmacherin.

Wann haben Sie sich in Erziehungsfragen das letzte Mal gewünscht, zaubern zu können?
Aktuell gerade fast täglich, weil es so viel Unsicherheiten gibt bei Eltern, wie es denn nun richtig geht – „erziehen“.

Und wann haben Sie Ihre Kinder zuletzt verzaubert?
Vor einiger Zeit hat meine zehnjährige Tochter ihrer Freundin ganz behutsam geholfen, eine Angst zu überwinden. Das war sehr bewegend.

Ihre größte Stärke als Mutter?
Mein Gespür dafür zu erkennen, was in meiner Tochter vorgeht und das Bewusstsein, dass sie sie ist und ich ich bin.

Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben?
Entdecke den Helden in Dir, dann kannst du Deinen Kindern helfen, Ihren zu entdecken.

heldenmacherin.de

 

 

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