Schlaflos im Kinderzimmer: So bekämpfen Sie Monster unter dem Bett

Interview mit Elterncoach Juliane Reinsch

Schlaf ist wichtig – egal in welchem Alter. Man verarbeitet die Erlebnisse des Tages, der Körper regeneriert sich und hält sich so gesund. Während manch ein Erwachsener gar nicht genug Schlaf bekommen kann, finden Kinder die Aussicht auf die Nachtruhe meist nicht sehr spannend. Im Gegenteil. Wir haben mit Eltern-Coach Juliane Reinsch über die Herausforderungen nach dem abendlichen Zähneputzen gesprochen.

Wie gut schlafen Sie in der Regel?

Tja, abends bin ich normalerweise so müde, dass mir das Einschlafen nicht schwerfällt. Werde ich in der Nacht z.B. von einem meiner Kinder geweckt, gelingt es mir nicht immer, sofort wieder einzuschlafen.

Wie gut schlafen Ihre Kinder?

Meine Tochter ist 5 Jahre und mein Sohn 7 Jahre. Beide sind ganz unterschiedliche Schläfer. Mein Großer hat abends damit zu tun, nach einem erlebnisreichen Tag abzuschalten und einzuschlafen. Meine Jüngere schläft schnell ein und ist morgens auch wieder frühzeitig wach.

Gab es eine Phase, in der das Einschlafen eine besonders große Herausforderung war?

Ja, diese Phasen kommen immer mal wieder. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich: der Abschied vom Tag, vom Spielen und von den Eltern kann schwerfallen – ganz nach dem Motto: „Ich wollte doch noch…“. Manchmal hängen Erlebnisse des Tages nach. Auch eine Phase, in der Ängste das Einschlafen gestört haben, haben wir erlebt.

Wie haben Sie reagiert, wenn Durst, der Gang zur Toilette oder die Dunkelheit schuld an der Schlaflosigkeit waren?

Oja, diese Zeit habe ich noch gut in Erinnerung. Wie alle Eltern habe auch ich einen anstrengenden Tag hinter mir und wünsche mir eine Zeit, in der ich noch einige Dinge in Ruhe erledigen kann oder Zeit für mich und meinen Partner habe. Mein erster Impuls war also Ungeduld, als mein Kind nicht allein einschlafen konnte.

Da ich abends in der Regel mit beiden Kindern allein bin, habe ich mich schließlich für die Einschlafbegleitung meiner Kinder entschieden. Ich bleibe solange bei ihnen, bis sie ruhig eingeschlafen sind. Manchmal kann ich die abendliche Nähe zu meinen Kindern genießen, manchmal fühle ich mich ans Bett gefesselt und bin genervt. Grundsätzlich hat es mir bei unserem abendlichen Ritual jedoch geholfen, die Situation zu akzeptieren und mir vor Augen zu führen, dass es sich um einen begrenzten Zeitabschnitt in meinem Leben handelt. Meine Pflichten und Bedürfnisse integriere ich so gut wie möglich in meinen Alltag. Dadurch stehe ich abends nicht unter Druck noch mal „raus zu müssen“.

Wo liegen die Ursachen von „Ich möchte noch was trinken“ und „da ist ein Monster unter meinem Bett“?

Die Ursachen lassen sich in beiden Fällen durch die Bindungstheorie erklären. Nach der Geburt suchen sich Kinder eine zuverlässige Bindungsperson, in der Regel sind das die Eltern. Das Zubettgehen weckt Trennungsängste in ihnen und fördert mitunter einen kreativen Umgang damit. Wenn die Kinder dann älter werden, erweitert sich der Kreis der Bindungspersonen und es kommen Oma, Opa, Babysitter etc. dazu. Kinder lösen sich mehr und mehr von ihren Eltern. Man kann dieses Bindungsband mit einem Gummiband vergleichen, welches sich weiter dehnt. Das Bedürfnis nach Nähe zu seiner Bindungsperson ist also ganz natürlich und wird nur unterschiedlich ausgedrückt.

Was können Eltern tun, wenn das Bindungsband noch nicht aus Gummi ist und das Zubettgehen zum Problem wird?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten mit der abendlichen Zu-Bett-geh-Situation umzugehen. Eine Möglichkeit ist die Einschlafbegleitung. Dabei spüren die Kinder die körperliche Nähe der Eltern, Stress wird abgebaut und Kinder finden die benötigte Sicherheit. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass Eltern immer wieder zu ihrem Kind ins Zimmer gehen. Sie geben ihrem Kind die Sicherheit die es benötigt, indem sie zum Kind gehen, bevor es von selbst herauskommt. Eine weitere Variante ist das selbstbestimmte Schlafen. Selbstbestimmt schlafen bedeutet, das Kind geht selbständig zu Bett, wenn es müde ist. Es gibt auch Familien, die ihre Kinder im Geschwisterbett schlafen lassen. Das Geschwisterbett bietet Kindern ab dem Kleinkindalter die Möglichkeit der Lösung von den Eltern und gleichzeitig die Sicherheit einer Bindungsperson, nämlich des Geschwisterkindes. Alle Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile. Ich finde sie besonders schön im Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ zusammengefasst.

Sind Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren, befinden Sie sich in der sogenannten „magischen Phase“. Fantasie und Realität verschwimmen und sind für Erwachsene nicht immer nachzuvollziehen. Wie geht man dem „Monster unter dem Bett“ auf den Grund?

Für uns Erwachsene ist es völlig klar: da ist kein Monster unter dem Bett! Das Monster unter dem Bett kann auch ein Bär im Schrank oder eine Hexe hinter der Tür sein. Für Eltern ist es wichtig zu wissen, diese Ängste sind ganz natürlich. Um ruhig einschlafen zu können, müssen wir uns sicher fühlen. Unser Gehirn ist urzeitlich geprägt. Allein zu sein in einem dunklen Zimmer löst daher Angst aus, auch, wenn in unseren Kinderzimmern keine Säbelzahntiger lauern.

Kinder unter 5 Jahren können Zusammenhänge von Ursache und Wirkung noch nicht herstellen. Ihnen fehlen die Erfahrung und die kognitive Reife. Eine zugeschlagene Tür aufgrund von Durchzug ist für sie unerklärliche Zauberei. Daher wird auch von der magischen Phase gesprochen.  Das kindliche Gehirn ist erst ab dem 5. Lebensjahr in der Lage, den Wechsel in eine andere Perspektive zu vollziehen. Das ermöglicht es ihnen, einfache Zusammenhänge von Ursache und Wirkung herzustellen: der Wind weht – die Tür schlägt zu.

Es hilft einem kleinen Kind also nicht, seine Angst zu überwinden, wenn die Eltern mit der Taschenlampe unter das Bett leuchten und zeigen, dass dort wirklich kein Monster ist. Eltern sollten die Angst ihres Kindes ernst nehmen und ihm die Sicherheit durch ihre Nähe als Bindungsperson geben.

Unterstützen können Eltern ihr Kind zusätzlich, indem sie gemeinsam überlegen, wovor sich das Monster fürchtet. Zum Beispiel vor einem Lied, welches gemeinsam mit dem Kind gesungen wird. Auf diese Weise können Eltern ihre Kinder bei der Entwicklung von selbstwirksamen Strategien unterstützen.

Wie wichtig sind Rituale wie das Vorlesen vor dem Zubettgehen?

Rituale tun gut. Sie bieten eine wiedererkennbare Struktur und geben dadurch Sicherheit. Ein Ritual kann Kindern helfen, Übergänge von einem Tagesabschnitt zum nächsten leichter zu bewältigen. Dazu gehören zum Beispiel das morgendliche Aus-dem-Haus-gehen oder die Zu-Bett-geh-Situation. Vorlesen, Singen oder die Puppe zum Schlafen bringen, können hilfreiche Rituale sein, um Abschied vom Tag zu nehmen. Viele Kinder drehen kurz vorm Einschlafen nochmal auf und brauchen vielleicht eine Kissenschlacht, um angestaute Energie zu entladen.

Wann sind Einschlafprobleme mehr als eine Phase?

Einschlafprobleme können ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Zunächst können Eltern überprüfen, ob ihr Kind bereits müde genug zum Schlafen ist oder ob eine spätere Zu-Bett-geh-Zeit hilfreich ist. Benötigt das Kind intensivere Einschlafbegleitung, um Sicherheit und damit Entspannung zu finden? Fällt es ihm schwer, nach einem ereignisreichen Tag abzuschalten? Welches Ritual kann helfen?  Schläft ein Kind trotz allem nicht oder sehr schlecht und unruhig ein, ist es sinnvoll sich professionelle Beratung zu holen.

In Ihren Beratungen ermutigen Sie Eltern einen selbstbestimmten Weg in der Erziehung zu gehen. Gar nicht so leicht, nach einem langen Arbeitstag und eventuell zu großen Erwartungen an sich als Mutter oder Vater. Haben Sie einen Tipp, wie man in stressigen Situationen die Ruhe bewahrt und auf sich selbst vertraut?

Dass Eltern an ihre Grenzen kommen, ist ein Tabuthema. Überall lesen und hören wir von Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich finde es wichtig, bei diesem Thema die Bedürfnisse von Kindern wieder in den Fokus der Diskussion zu rücken. Dies liegt in der Verantwortung der Eltern, denn sie sind die wichtigsten Bindungspersonen der Kinder. Um diese wichtige und herausfordernde Aufgabe zu bewältigen, müssen Eltern gut für sich sorgen und z.B. Prioritäten setzen. Arbeit, Haushalt, Partnerschaft, Familie, Freunde, Kinder – wer bestimmt über mein Leben? Ich möchte Eltern unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse ebenso ernst zu nehmen, wie die ihrer Kinder.


 

Steckbrief: Juliane Reinsch

Businessportrait-01

Wie alt sind sie? Seit wann sind Sie ILP Coach?

Ich bin 40 Jahre, habe 11 Jahre Eltern zum Thema Work-Life-Balance beraten und 2017 meine Ausbildung als Coach abgeschlossen.

Wann haben Sie sich in Erziehungsfragen das letzte Mal gewünscht, zaubern zu können?

Heute Morgen.

Und wann haben Sie Ihre Kinder zuletzt verzaubert?

Am Wochenende beim Spielen.

Ihre größte Stärke als Mutter?

Ich mache die leckersten Eierkuchen und erzähle auf langen Autofahrten Geschichten.

Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben?

Seid freundlich zu euch selbst!

julianereinsch.de

 

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